Ein einzigartiges Werk, eine einzigartige Aufführung. Im vierten
Sinfoniekonzert der Badischen Staatskapelle dirigierte Justin Brown Hector
Berlioz' dramatische Sinfonie „Romeo et Juliette". Die Leidenschaft und
differenzierte Gestaltungskunst seiner Interpretation sowie der sagenhafte
Klangzauber der Badischen Staatskapelle beschworen eine sinfonische Sternstunde.
Wiewohl Berlioz' selten zu hörendes Werk Elemente der Oper und des Oratoriums
einschließt, drei Vokalsolisten und zwei Chöre fordert, ist es eine Sinfonie.
Die Liebesgeschichte spielt sich rein instrumental im Orchester ab. Sie gewinnt
dadurch erst recht jene universelle Bedeutung, die dieser „schönsten
Liebesgeschichte aller Zeiten" innewohnt und die ihre Wirkung durch unzählige
Bearbeitungen hindurch bis heute ungebrochen bewahrt hat Berlioz verwendet
übrigens nicht den originalen Shakespeare-Text, sondern Verse von Emile
Deschamps. Die Geschichte wird so schon zu Beginn rasch im Lied erzählt, sodass
sich der Komponist in der Folge Zeit nehmen kann, die wesentlichen Momente des
Stoffs sinfonisch breit auszuführen.
Das tut er natürlich vor allem in der großen Liebesszene. In ihr hatte dann auch
die in allen Teilen großartige Karlsruher Aufführung ihren absoluten Höhepunkt.
Die Staatskapelle entfaltete den vielfarbigen, an raffinierten Valeurs so
überreichen Orchesterklang des Instrumentierungsgenies Berlioz mit funkelnder
Brillanz - und Justin Brown erfüllt die Liebesgesten mit erregender Intensität.
Jedes Motiv war mit glühender Spannung erfüllt. Bewegend war nicht minder die im
wahrsten Sinne des Wortes lebendige Dynamik.
Schon das mit Verve musizierte einleitende Fugato machte klar, dass es ein
Berlioz unter Hochspannung werden würde. Doch Justin Brown ging es nicht um
oberflächliche, opernhafte Effekte, sondern um eine sinfonisch gedachte, subtile
Lesart der Partitur, um das volle Entfalten ihres klanglichen und emotionalen
Potenzials. Er folgte nicht nur in der speziellen Orchesteraufstellung mit
geteilten Violinen, Celli und Bässen sowie Harfen ganz vorne auf dem Podium
Berlioz' Ideen, er traf auch ideal den spezifischen Ton und Stil der Musik des
kühnen Franzosen.
Brown zeigte sich einmal mehr als Meister in der facettenreichen Modellierung
des Klangs und als Musiker, der ein Orchester zu gesteigertem Ausdruck zu
animieren weiß. Es gab in dieser denkwürdigen Wiedergabe neben der schon
erwähnten Liebesmusik Augenblicke berückender Zartheit wie im Lied des Alts,
träumerischer Leichtigkeit wie im Scherzo, erhabener Größe wie im Finale -und
herben Schreckens wie in der Todesszene der Liebenden. Ein ganzer Kosmos von
Gefühlen in diesem Hymnus auf die Liebe.
Ihren Anteil an der Wirkung des Konzerts hatten auch die Solisten und Chöre, Die
Altistin Ewa Wolak sang mit warmem Timbre und expressiv geformten Linien, der
Tenor Klaus Schneider formte prägnant seinen Part. Konstantin Gorny gab in der
Schlussszene dem Gesang des Pater Lorenzo packendes Profil und überzeugte durch
stimmliche Intensität und einen charismatischen Vortragsstil. Im Prolog bewährte
sich der CoroPiccolo (Einstudierung; Christian-Markus Raiser] durch feine
Diktion sowie einen hellen und sehr transparenten Klang. Chor und Extra-Chor des
Staatstheaters (Einstudierung: Ulrich Wagner) gaben dem Finale chorische Fülle,
(rg)