Fest der Liebe

Karlsruhe: Berlioz' „Romeo et Juliette"

Die Rheinpfalz, 23.12.09
 

Ein einzigartiges Werk, eine einzigartige Aufführung. Im vierten Sinfoniekonzert der Badischen Staatskapelle dirigierte Justin Brown Hector Berlioz' dramatische Sinfonie „Romeo et Juliette". Die Leidenschaft und differenzierte Gestaltungskunst seiner Interpretation sowie der sagenhafte Klangzauber der Badischen Staatskapelle beschworen eine sinfonische Sternstunde.

Wiewohl Berlioz' selten zu hörendes Werk Elemente der Oper und des Oratoriums einschließt, drei Vokalsolisten und zwei Chöre fordert, ist es eine Sinfonie. Die Liebesgeschichte spielt sich rein instrumental im Orchester ab. Sie gewinnt dadurch erst recht jene universelle Bedeutung, die dieser „schönsten Liebesgeschichte aller Zeiten" innewohnt und die ihre Wirkung durch unzählige Bearbeitungen hindurch bis heute ungebrochen bewahrt hat Berlioz verwendet übrigens nicht den originalen Shakespeare-Text, sondern Verse von Emile Deschamps. Die Geschichte wird so schon zu Beginn rasch im Lied erzählt, sodass sich der Komponist in der Folge Zeit nehmen kann, die wesentlichen Momente des Stoffs sinfonisch breit auszuführen.

Das tut er natürlich vor allem in der großen Liebesszene. In ihr hatte dann auch die in allen Teilen großartige Karlsruher Aufführung ihren absoluten Höhepunkt. Die Staatskapelle entfaltete den vielfarbigen, an raffinierten Valeurs so überreichen Orchesterklang des Instrumentierungsgenies Berlioz mit funkelnder Brillanz - und Justin Brown erfüllt die Liebesgesten mit erregender Intensität. Jedes Motiv war mit glühender Spannung erfüllt. Bewegend war nicht minder die im wahrsten Sinne des Wortes lebendige Dynamik.

Schon das mit Verve musizierte einleitende Fugato machte klar, dass es ein Berlioz unter Hochspannung werden würde. Doch Justin Brown ging es nicht um oberflächliche, opernhafte Effekte, sondern um eine sinfonisch gedachte, subtile Lesart der Partitur, um das volle Entfalten ihres klanglichen und emotionalen Potenzials. Er folgte nicht nur in der speziellen Orchesteraufstellung mit geteilten Violinen, Celli und Bässen sowie Harfen ganz vorne auf dem Podium Berlioz' Ideen, er traf auch ideal den spezifischen Ton und Stil der Musik des kühnen Franzosen.

Brown zeigte sich einmal mehr als Meister in der facettenreichen Modellierung des Klangs und als Musiker, der ein Orchester zu gesteigertem Ausdruck zu animieren weiß. Es gab in dieser denkwürdigen Wiedergabe neben der schon erwähnten Liebesmusik Augenblicke berückender Zartheit wie im Lied des Alts, träumerischer Leichtigkeit wie im Scherzo, erhabener Größe wie im Finale -und herben Schreckens wie in der Todesszene der Liebenden. Ein ganzer Kosmos von Gefühlen in diesem Hymnus auf die Liebe.

Ihren Anteil an der Wirkung des Konzerts hatten auch die Solisten und Chöre, Die Altistin Ewa Wolak sang mit warmem Timbre und expressiv geformten Linien, der Tenor Klaus Schneider formte prägnant seinen Part. Konstantin Gorny gab in der Schlussszene dem Gesang des Pater Lorenzo packendes Profil und überzeugte durch stimmliche Intensität und einen charismatischen Vortragsstil. Im Prolog bewährte sich der CoroPiccolo (Einstudierung; Christian-Markus Raiser] durch feine Diktion sowie einen hellen und sehr transparenten Klang. Chor und Extra-Chor des Staatstheaters (Einstudierung: Ulrich Wagner) gaben dem Finale chorische Fülle, (rg)