Dramatik durch und durch

Badische Staatskapelle spielte „Romeo et Juliette" von Berlioz

„Voller Kraft, Fantasie und Leidenschaft"

BNN 23.12.09

Gerade ist der Schlussakkord des atemberaubenden Finales von Hector Berlioz' „Romeo et Juliette" op. 17 verklungen. Die groß besetzte Badische Staatskapelle, der Extrachor des Badischen Staatstheaters, der CoroPiccolo Karlsruhe und Bariton Konstantin Gorny haben alles in die Waagschale geworfen, was es. aufzubieten gab. Dramatik durch und durch'. Die letzte große Geste. Romeo und Julia sind tot, die verfeindeten Familien im Gedenken an ihre Kinder vereint.

Die Spannung löst sich, im Saal brechen Applaus und Bravo-Rufe los. „Das geht einem durch und durch." - „Ja, das war wirklich spektakulär!" bringen es zwei Konzertbesucher sichtlich beeindruckt auf den Punkt, während es einem anderen zuvor bis auf ein deutlich hörbar gemurmeltes „Wow" sogar die Sprache verschlägt.

Wahrlich, besser hätte man den Höhepunkt im Schaffen des französischen Komponisten kaum umsetzen können, als es an diesem Abend im Badischen Staatstheater Karlsruhe unter der gleichsam dynamischen wie fordernden Leitung des Generalmusikdirektors Justin Brown (Einstudierung der ausgezeichneten Chöre: Ulrich Wagner, Christian-Markus Raiser) geschehen ist.

Das Orchester glänzt mit einer Phrasierung und Akzentuierung, die ebenso messerscharf wie hervorragend aufeinander und das Sujet abgestimmt ist. Hier werden die Instrumente wie von Berlioz gewünscht zu Handlungsträgern, ja zu den Figuren der Tragödie selbst, und erzählen durch die Mittel der Musik. Zwischen melancholischer Schwere, säuselnder Liebesmacht und aufbäumender Leidenschaft (im Guten wie im Bösen) pendeln die Stimmen, die jede noch so kleine vertonte Nuance offen-legen. Gestützt wird das Werk auch durch ein glänzendes Solisten-Ensemble, das bis auf den nachhaltig agierenden Konstantin Gorny als Pere Laurence/Pater Laurenzo in Berlioz' Vertonung eine passive, berichtende Rotte zugewiesen bekommt und nur am Anfang beziehungsweise Ende auftritt. Ergreifend, wie die Altistin Ewa Wolak mit dunklem Timbre und von Harfenklängen umrankt im Orchesterlied des ersten Teils eine Hymne auf den Zauber der Liebe schenkt. Ihr folgt der Tenor Klaus Schneider im Scherzo nach, in dessen Interpretation die Traumfee Mab übermütig und rasant durch die Nacht huschen darf.

Berlioz schreibt zu seiner Tondichtung: „Ich fasste den Entschluss, ein Meisterwerk zu schreiben - eine in ihrer Art neue und gewaltige Komposition voller Kraft, Fantasie und Leidenschaft." Und ließ großen Worten noch größere Taten folgen. Das Werk verweist in seinen dramatischen Dimensionen nicht nur auf die wohl berühmteste Liebestragödie aller Zeiten sowie die Aufführungspraxis David Garricks (auch darüber hinaus setzte sich Berlioz mehrfach musikalisch wie inhaltlich mit Shakespeares Oeuvre auseinander), sondern nimmt trotz seiner Einzigartigkeit zugleich Bezug auf die Nachfolge Beethovens.

Selbst Richard Wagner, der zeitlebens in ambivalenter Beziehung zu Berlioz stand, soll angeblich neidlos anerkannt haben, dass es sich bei „Romeo et Juliette" um „die Auferstehung einer neuen Welt der Musik" handelt. Dem kann man sich - nicht zuletzt unter dem Eindruck des fesselnden Konzerts in Karlsruhe - nur anschließen. v Elisa Reznicek