Gerade ist der Schlussakkord des atemberaubenden Finales von Hector Berlioz'
„Romeo et Juliette" op. 17 verklungen. Die groß besetzte Badische Staatskapelle,
der Extrachor des Badischen Staatstheaters, der CoroPiccolo Karlsruhe und
Bariton Konstantin Gorny haben alles in die Waagschale geworfen, was es.
aufzubieten gab. Dramatik durch und durch'. Die letzte große Geste. Romeo und
Julia sind tot, die verfeindeten Familien im Gedenken an ihre Kinder vereint.
Die Spannung löst sich, im Saal brechen Applaus und Bravo-Rufe los. „Das geht
einem durch und durch." - „Ja, das war wirklich spektakulär!" bringen es zwei
Konzertbesucher sichtlich beeindruckt auf den Punkt, während es einem anderen
zuvor bis auf ein deutlich hörbar gemurmeltes „Wow" sogar die Sprache
verschlägt.
Wahrlich, besser hätte man den Höhepunkt im Schaffen des französischen
Komponisten kaum umsetzen können, als es an diesem Abend im Badischen
Staatstheater Karlsruhe unter der gleichsam dynamischen wie fordernden Leitung
des Generalmusikdirektors Justin Brown (Einstudierung der ausgezeichneten Chöre:
Ulrich Wagner, Christian-Markus Raiser) geschehen ist.
Das Orchester glänzt mit einer Phrasierung und Akzentuierung, die ebenso
messerscharf wie hervorragend aufeinander und das Sujet abgestimmt ist. Hier
werden die Instrumente wie von Berlioz gewünscht zu Handlungsträgern, ja zu den
Figuren der Tragödie selbst, und erzählen durch die Mittel der Musik. Zwischen
melancholischer Schwere, säuselnder Liebesmacht und aufbäumender Leidenschaft
(im Guten wie im Bösen) pendeln die Stimmen, die jede noch so kleine vertonte
Nuance offen-legen. Gestützt wird das Werk auch durch ein glänzendes
Solisten-Ensemble, das bis auf den nachhaltig agierenden Konstantin Gorny als
Pere Laurence/Pater Laurenzo in Berlioz' Vertonung eine passive, berichtende
Rotte zugewiesen bekommt und nur am Anfang beziehungsweise Ende auftritt.
Ergreifend, wie die Altistin Ewa Wolak mit dunklem Timbre und von Harfenklängen
umrankt im Orchesterlied des ersten Teils eine Hymne auf den Zauber der Liebe
schenkt. Ihr folgt der Tenor Klaus Schneider im Scherzo nach, in dessen
Interpretation die Traumfee Mab übermütig und rasant durch die Nacht huschen
darf.
Berlioz schreibt zu seiner Tondichtung: „Ich fasste den Entschluss, ein
Meisterwerk zu schreiben - eine in ihrer Art neue und gewaltige Komposition
voller Kraft, Fantasie und Leidenschaft." Und ließ großen Worten noch größere
Taten folgen. Das Werk verweist in seinen dramatischen Dimensionen nicht nur auf
die wohl berühmteste Liebestragödie aller Zeiten sowie die Aufführungspraxis
David Garricks (auch darüber hinaus setzte sich Berlioz mehrfach musikalisch wie
inhaltlich mit Shakespeares Oeuvre auseinander), sondern nimmt trotz seiner
Einzigartigkeit zugleich Bezug auf die Nachfolge Beethovens.
Selbst Richard Wagner, der zeitlebens in ambivalenter Beziehung zu Berlioz
stand, soll angeblich neidlos anerkannt haben, dass es sich bei „Romeo et
Juliette" um „die Auferstehung einer neuen Welt der Musik" handelt. Dem kann man
sich - nicht zuletzt unter dem Eindruck des fesselnden Konzerts in Karlsruhe -
nur anschließen. v Elisa Reznicek